Schüler-Streitschlichter-Programm

Das Prinzip der Schlichtung ist als Alternative und Ergänzung zu Gerichtsprozessen bekannt. Häufig können dadurch leichter
Klärungen, Entscheidungen und Einigungen zwischen Konfliktparteien erzielt werden.

Ausgangspunkt sind die Konflikte in der Schule und im schulischen Umfeld zwischen Schülern, für deren Aufarbeitung und Regelung die Lehrerinnen und Lehrer manchmal nicht die Zeit oder den Zugang zu den betroffenen Personen haben. Ohne Aufarbeitung
verhärten sich diese Konflikte jedoch häufig und führen zu dauerhaftem Streit.

Das Konzept der Schlichtung basiert auf der Überzeugung, dass bei Streitigkeiten beide beteiligten Parteien berechtigte Interessen haben und dass nicht eine auf Kosten der anderen gewinnen muss. Kreative Lösungen, das sorgfältige Aushandeln in Gesprächen ermöglichen es in vielen Fällen Lösungen zu finden, bei denen die Interessen beider Parteien berücksichtigt werden.

“Denken an die Zeit danach” ist der Schlüssel des Schlichtungsgedankens. Die Beziehung und die Folgen der Auseinandersetzung
für beide Parteien mit zu bedenken erleichtert es, Gemeinsamkeiten wahrzunehmen und das Gefühl zu entwickeln, dass alle an
einer gemeinsamen Sache arbeiten, “in einem Boot sitzen”.

Was ist Schlichtung ?

  • Keine Gerichtsverhandlung
  • Konfliktlösung mit Hilfe einer neutralen Person
  • Ein freiwilliges Gespräch nach Regeln

Ziele sind:

  • Streitpunkte erkennen
  • Am Konflikt arbeiten ohne Autoritäten
  • Eigene Standpunkte überdenken
  • Kompromisse finden
  • Konfliktlösungen ohne Niederlage

Vorteile können sein:

  • Weniger Aggressionen
  • Weniger Strafen
  • Selbstverantwortlichkeit

Schlichter sind Schüler, die den Konfliktparteien hinsichtlich Alter, Geschlecht, Herkunft etc. ähnlich sind. Sie werden bei Konflikten zwischen Schülern untereinander eingesetzt. Für diese Tätigkeit werden sie in einem ca. 32-ständigen Lehrgang ausgebildet.
Dieser Lehrgang beinhaltet ein kooperatives Konfliktlösungstraining und das Erlernen des Schlichterverfahrens, seiner Regeln
und der Schlichter-Rolle. Einen besonderen Schwerpunkt legen wir auf gruppendynamische Prozesse und auf ein Zusammen-
wachsen der Gruppe.

Am Ende der Ausbildung soll ein schulinternes institutionalisiertes Schüler-Streit-Schlichter-Gremium stehen, das bei Konflikten
von allen Mitgliedern der Schule in Anspruch genommen werden kann.

Wir gliedern den Inhalt der Ausbildung in sieben Bausteine. Diese werden in drei Projekttage (jeweils acht Stunden) und vier Doppelstunden gegliedert.
Wir haben uns dafür entschieden, als Streitschlichter Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 8 und 9 anzuwerben. Dies erscheint
uns sinnvoll, da diese Schülergruppe sowohl intellektuell als auch vom Alter her für die Konfliktparteien, die doch zumeist aus den unteren Jahrgängen kommen, eine Art kompetente Autorität darstellen.

Auswahl der Streitschlichter

Erfahrungen haben gezeigt, dass die optimale Gruppengröße mindestens zehn, maximal 20 Schüler umfasst. Ein Schüler der Planungsgruppe, später ein aktiver Streitschlichter, und einer der betreuenden Lehrer gehen in die Klassen des 8. und 9. Jahrgangs und stellen das Projekt vor. Dazu ist es zunächst wichtig, die Klassenlehrer zu informieren und Termine abzusprechen.

Besonderen Wert legen wir bei unseren Informationsstunden darauf, zu betonen, dass ein erhebliches Maß an Engagement erforderlich ist, dass aber andererseits die ausgebildeten Schüler auch Vorteile und Qualifikationen erwerben, die für die weitere schulische und berufliche Zukunft sehr hilfreich sein können. So eine Ausbildung hinterlässt starke und selbstbewusste Jugendliche und macht erfahrungsgemäß sowohl Lehrern als auch Schülern sehr viel Spaß.

Interessierte Schüler füllen im Anschluss an die Vorstellung ein Anmeldeformular aus, das von ihren Klassenlehrern und ihren
Eltern abgezeichnet werden muss. Die Beurteilung der Klassenlehrer hinsichtlich der Eignung der Schüler, ihrer sozialen Kompe-
tenz, ihres Durchhaltevermögens etc. ist sehr wichtig. Die Zustimmung der Eltern erbitten wir einerseits, damit sie wissen, was
ihre Kinder in der Schule über den Unterricht hinaus tun, andererseits müssen die Schüler auch Freizeit opfern und später – als Streitschlichter – möglicherweise auch Unterrichtsstunden versäumen, wenn Sie einen “Fall” zu bearbeiten haben.

Über die akute Lösung von Konflikten hinaus bietet ein solches Programm die Chance, das Schulklima positiv zu beeinflussen.
Die Eigenverantwortung der Schüler kann dadurch gefördert und gestärkt werden. Schülerinnen und Schülern wird die Verant-
wortung für das Zusammenleben einschließlich der Lösungsfindung bei Konflikten übertragen.

Claudius Kopietz