Städtische Erich-Fried-Gesamtschule

Wuppertal Ronsdorf

  Projekte

"Wir werfen nicht mit Steinen"

oder

"Wie kann ich kreativ streiten lernen?"

- - Ein Gewaltpräventionsprojekt im 7./8. Jahrgang der Gesamtschule Wuppertal-Ronsdorf - -

Claudius Kopietz


Mit freundlicher Genehmigung des FRIEDRICH VERLAGES, 30917 Seelze

Veröffentlicht in "Schüler 1995" ISBN 3-617-39001-3 ISSN 0949-2852

An der Gesamtschule Wuppertal-Ronsdorf hat sich vor ca. fünf Jahren eine Arbeitsgruppe') konstituiert, deren Ziel es war, ein auf die Schüler/innen zugeschnittenes Unterrichtskonzept zur Gewaltprävention zu erstellen, das möglichst viele handlungsorientierte und kreative Bausteine beinhaltet.
Das Unterrichtskonzept wird primär den Jugendlichen der Jahrgänge 7 und 8 angeboten, da wir in diesen Jahrgängen besonders auffällig Handlungsdefizite in bezug auf soziale Verhaltensweisen feststellen konnten.
Defizitär in dieser Altersgruppe erschien uns:

Weiterhin haben diese Jugendlichen eine besondere Ferne zu uns Erwachsenen, was nicht nur mit ihrer pubertären Lebenssituation zu tun hat, sondern auch damit, daß wir Erwachsenen sie innerhalb der Gesamtschule mit einer Reihe systembedingter Veränderungen konfrontieren:

Die Überlegungen innerhalb unserer Arbeitsgruppe waren somit nicht auf eine "Komm-Struktur" (die Jugendlichen sollen nicht mit ihren Problemen zu uns kommen), sondern auf eine "Gehe-hinStruktur" (wir gehen zu den Angesprochenen in die Klasse/Lerngruppe) ausgelegt. Vor diesem Hintergrund und der für uns gültigen Grundfeststellung, daß Aggressionen sowie aggressive Gefühle und Konflikte zu unserem menschlichen Sein gehören, stellten wir das Unterrichtskonzept "Wir werfen nicht mit Steinen' zusammen.
Unser Hauptziel war dabei nicht das Verhindern bzw. Unterdrücken von Aggressionen, wir suchten vielmehr nach Möglichkeiten, die konstruktiven Elemente von Aggressionen zu unterstützen, um gleichzeitig vorhandene destruktive Formen im alltäglichen Umgang mit auftretenden Konflikten zu vermeiden.
Zeitlich ausgelegt ist dieses Unterrichtskonzept auf zehn Unterrichtsstunden. Stundenplantechnisch bedeutet dies für uns an der Gesamtschule Wuppertal-Ronsdorf, daß wir an zwei aufeinanderfolgenden Vormittagen mit den Jugendlichen zusammenarbeiten.
Gearbeitet wird vorwiegend in Schülergruppenarbeit. Das hat zur Folge, daß mindestens drei Personen für die Unterrichtsdurchführung zur Verfügung stehen und neben dem Klassenraum noch zwei weitere Ausweichräume bereitstehen.
Sind diese Voraussetzungen nicht gegeben, so lassen sich einzelne Projektphasen auch unabhängig voneinander in Klassen und Gruppen durchführen.

Phase 1:
Blitzlicht zur Erwartungshaltung(ca. 45 Minuten)

Zum besseren Kennenlernen und um die anfängliche Scheu der Jugendlichen gegenüber dem Pädagogen/innenteam (PT) abzubauen, findet ein offenes Klassengespräch über die Inhalte des Projektes statt. Danach folgt ein "brain-storming", in dem jedes Gruppenmitglied (GM) seine individuellen Erwartungen äußert. Diese Aussagen werden an einer Projektwand festgehalten.

Phase 2:
Aggressionen erkennen - Gewalt benennen (ca. 60 Minuten)

Die Schüler/innen erhalten ein Arbeitsblatt mit acht Situationsbeschreibungen zum Thema "Aggression und Gewalt" (siehe Seite 70 / hier Anhang).

In einer Kaffeehausatmosphäre sollen sie in Kleingruppen von vier bis acht GM über diese Handlungen diskutieren und zu einem Konsens gelangen. Anschließend soll jede Arbeitsgruppe eine Definition des Begriffs Gewalt erstellen. Hierzu hängen an der Projektwand zwei große Plakate mit den Überschriften:

Diese Satzanfänge werden von jeder Arbeitsgruppe komplettiert, und in einem anschließenden Klassengespräch wird eine gemeinsame Gewaltdefinition erarbeitet, mit der sich möglichst viele Schüler/innen identifizieren können.
Diese Definition wird im Klassenraum ausgehängt und soll die Jugendlichen anregen, ihre selbstdefinierten Einsichten auch bei ihrem alltäglichen Handeln zu berücksichtigen.

Phase 3:
Die Streitmüll - Tonne (ca. 120 Minuten)

In dieser Unterrichtseinheit wird der Versuch unternommen, "Streitmüll" von wichtigen "Streitanlässen" zu unterscheiden. Damit die Schülerinnen und Schüler auftretenden Streitmüll vermeiden können, müssen sie ein Repertoire von Reaktionsmöglichkeiten gelernt haben, die sich von dem Reaktionsmodell "Gleiche Münze" (die wohl unkreativste Art sich zu streiten) abheben.
Der Lehrer/die Lehrerin fordert nun die Klasse auf, kreativ zu streiten und zu diesem Zweck wird eine "Streitmüll-Situation" mit verschiedenen Fortsetzungen vorgespielt.

Spielsituation:
Willi reißt Sabine aus dem Türrahmen des Klassenzimmers und brüllt: "Weg, du blöde Ziege!"

Nun werden sechs Reaktionsmöglichkeiten von zwei PT-Mitgliedern vorgespielt:

(Das sind die Varianten für Sabine; Willi verhält sich immer gleich aggressiv.)

In einem weiteren Schritt werden Zufallsgruppen gebildet und jede Gruppe, die von einem PT-Mitglied begleitet wird, erhält folgende Aufgabe: "Sucht zwei verschiedene Reaktionsweisen auf eine Euch bekannte Streitsituation des schulischen Alltags, die Ihr unangenehm findet." Danach werden mindestens drei unterschiedliche Lösungen im Rollenspiel dem Plenum vorgeführt und mit Video aufgezeichnet und ausgewertet. Die anderen Gruppen sollen herausfinden, welches Verhaltensmodell dargestellt wurde und welchen Oberbegriff man dafür finden könnte.
Die Videoauswertung könnte unter folgender Fragestellung stehen: "Welche Veränderungen könnt Ihr bei den spielenden Mitschüler/innen in bezug auf ihre Sprache und Körperhaltung erkennen?"

Phase 4:
Randale (ca. 90 Minuten)

Das Ziel dieses Gruppenspiels liegt darin, durch ein hohes Maß an Kommunikation und Aktion möglichst viele Erfahrungen und Einstellungen innerhalb der Spielgruppe auszutauschen.

Es gibt vier verschiedene Aufgabenkarten (siehe Seite 71f. / hier Anhang):

  1. Situationskarten
  2. Überraschungskarten
  3. Aktionskarten
  4. Gefühlskarten.

Durch Gespräche, Rollenspiele und Aktionen können die Jugendlichen Erfahrungen austauschen, ihre Einstellungen untereinander kennenlernen und überprüfen sowie ihre individuellen und gruppentypischen Formen der Konfliktlösung diskutieren.

Das Spiel wird folgendermaßen gespielt:

Die Gruppe (acht bis zehn GM) sitzt im Kreis, in der Mitte liegen vier Kartenstapel mit dem Text nach unten: die Situationskarten, die Überraschungskarten, die Aktionskarten und die Gefühlskarten. Aufgabe aller Mitspieler/innen ist es, von jeder Kartensorte eine Karte im Laufe des Spiels aufzunehmen und zu bearbeiten.
Hat jedes GM von jeder Sorte eine Karte bearbeitet, ist das Spiel beendet. Es beginnt das GM, welches die Spielgruppe für "das friedlichste" hält. Dieses GM wählt eine Kartensorte, nimmt die oberste Karte ab und soll sie nun bearbeiten; d. h. man muß spielen, Stellung beziehen, Meinungen austauschen ... usw. Ist die Aufgabe erfüllt, legt man die Spielkarte vor sich hin. Dann ist das linke GM dran usw.
Zu jeder gezogenen Aufgabe darf sich das GM einen "Helfer" aus der Spielgruppe wählen, der bei der Bearbeitung hilft. Anschließend sollte in der Gruppe über das Spiel, das Verhalten der Mitspieler oder über Vorkommnisse gesprochen werden.
(Frei abgewandelt nach einer Spielvorlage von W. Klawe und U. Baer)

Phase 5:
"Lisa" - oder die Suche nach Konfliktursachen (ca. 60 Minuten)

Destruktives Schülerverhalten erzeugt bei uns Pädagogen häufig aggressive Gegenreaktionen. Damit mögliche Ursachen für solch ein Schülerverhalten exploriert werden können, spielen zwei PT-Mitglieder eine Klassensituation vor, in der die Schülerin "Lisa" gelangweilt vor ihrem Mathe- arbeitsblatt sitzt und der Lehrer "xy" sehr aufgebracht darüber ist, daß "Lisa" nach mehrmaliger Aufforderung immer noch nicht mit ihrer Arbeit begonnen hat. In diesem Rollenspiel behält "Lisa" ihre ablehnende, apathische Haltung bei. Lehrer "xy" tobt und droht Konsequenzen an. Anschließend werden Kleingruppen von vier bis sechs GM gebildet. Diese sollen sich mit der Ursachenaufarbeitung befassen.
Eine gemeinsame Auswertung findet im Plenum statt; die spezielle Fragestellung wird verdichtet, und die PT-Mitglieder geben Hinweise auf das psychosoziale Netzwerk vor Ort.

Aufgabe an die Schüler/innen:

Phase 6:
Litfaßsäule (ca. 45 Minuten)

Litfaßsäule ist der Versuch, aus dem Handlungsschema des ständigen Beschimpfens und Meckerns herauszukommen und sich durch sozial angemessene Rückmeldungen "Nahrung für gute Laune" zu geben.

Die Aufgaben für die Gruppenmitglieder:

Schreibe für jeden Anwesenden der Gruppe (max. sechs bis acht GM) ein Kärtchen.

Erst die Anrede: "Liebe/Lieber..."
Dann mindestens zwei Sätze, die mit "Ich finde gut, daß Du..." oder
"Mir hat gefallen, als Du..." beginnen.
Diese Karten werden dann mit Klebeband an den Rücken der anderen GM geheftet und gegenseitig gelesen.
Zum Schluß darf jedes GM seine Karten selber lesen.

 

Fragen für eine Nachbesprechung in der Klasse könnten sein:

Wenn die Gruppe es will, kann man diese Kärtchen in der Klasse aushängen.

Phase 7:
Blitzlicht und Auswertung (ca. 30 Minuten)

In dieser Phase soll eine Reflexion zum Projekt vorgenommen werden. Schülergruppen und Pädagogen/innen erhalten so die Möglichkeit des "Feedbacks".

Reflexion

An der Gesamtschule Wuppertal-Ronsdorf wird die hier beschriebene Unterrichtseinheit zur Gewaltprävention seit ca. fünf Jahren, vorwiegend durch die Mitglieder des Beratungsteams, durchgeführt.

Die Auswertung, die unter der Fragestellung:

geführt wurde, ergab übereinstimmend, daß auf der inhaltlichen Ebene durch dieses Projekt eine Reihe von Orientierungshilfen im Umgang mit Gewalt gegeben wurde.
Positiv von den Jugendlichen wurde der starke Handlungsbezug, die Arbeit in immer wechselnden Zufallsgruppen (also nicht in den gewohnten Cliquen) und der Einsatz von audiovisuellen Medien herausgestellt. Weiterhin erschien vielen Klassen/Lerngruppen beachtenswert, daß sie in den unterschiedlichen Arbeitsphasen . . .

Uns allen ist auch klar, daß dieses zeitlich eingeschränkte Unterrichtsmodell nicht als eine isolierte Maßnahme betrachtet werden kann, sondern lediglich einen handlungsorientierten Baustein innerhalb der Entwicklung einer pädagogischen Kultur der Schule darstellt, die prosoziales Verhalten fördert und gewaltförmige Auseinandersetzungen verringert.

Statt Gleichgültigkeit, Ignoranz oder Resignation stellt dieses Modell den Versuch dar, neue, kreative und nicht mit Moral belastete Problemlösungen zu konzipieren.

Anmerkung

') Zu der Arbeitsgruppe gehören der Sozialpädagoge, der Schulpsychologe und die Beratungslehrer/innen.

 

ANHANG:

Spielkarten "Situation" (Beispiele)

ROLLENSPIEL:
Dein Vater will, daß Du Dein Zimmer
aufräumst. Du willst aber nicht.

ROLLENSPIEL:
Deine Eltern wollen Dir das Taschengeld kürzen, weil Du nie das Altpapier zum Container bringen willst.

ROLLENSPIEL:
Ein Lehrer stellt Dich zur Rede, weil Du im Unterricht immer herumalberst.

ROLLENSPIEL :
Du bist von Deiner Freundin versetzt worden. Du triffst sie am nächsten Tag!

ROLLENSPIEL:
Du kommst abends zu spät nach Hause. Zwei Mitspieler/innen spielen die Reaktion Deiner Eltern.

ROLLENSPIEL:
Im Fachraum will sich jemand auf Deinen Platz setzen.

 

Spielkarten "Überraschung" (Beispiele)

Zähle mindestens fünf Fernsehsendungen oder Spielfilme auf, in denen Gewalt vorkommt.

Nenne zwei Helden aus dem Fernsehen oder aus dem Comic-Bereich und sage, was Du an denen heldenhaft findest.

Nenne einen Grund, weshalb Du mal wütend auf Deine Eltern warst.

Erinnerst Du Dich an die letzte Situation, in der Du ungerecht behandelt worden bist? Erzähle davon!

Male ein kleines Bild, das Wut ausdrückt.

Was kann man Deiner Meinung nach gegen Prügeleien in der Schule machen?

 

Arbeitsblatt zum Thema "Was ist Aggression?"

Welche der folgenden Handlungen würdet ihr als Aggression bezeichnen?

1. Der Schüler Willi verweigert das Bereitlegen von notwendigen Arbeitsmaterialien.
Der Fachlehrer brüllt ihn an: "Du wirdt schon merken, was du davon hast!"

2. Nadines Schularbeiten sehen unordentlich aus. Ihr Vater ohrfeigt sie dafür.

3. Lehrerin"xy"kommt in die gutbesetzte Mensa und beschwert sich lautstark beim Klassenlehrer über den Schüller "Willi" und seinen unmöglichen Umgangston ihr gegenüber.

4. Bernd foult seinen Gegenspieler durch "Beinstellen".

5. Ein Polizist schießt einen flüchtenden Bankräuber ins Bein.

6. Ein Lehrer gibt einem Schüler im Aufsatz eine schlechte Note, weil er im Unterricht häufig stört.

7. Ein Schüler wirft einen Mitschüler zu Boden, um ihn daran zu hindern, daß er einen kleinen Jungen verprügelt.

8. Im Clubraum stehen mehrere Schüler am Billardtisch und sehen Stefan und Peter beim Spiel zu.Willi möchte auch spielen, mag aber nicht warten. Um das Spiel von Stefan und Peter zu verkürzen, rollt er je eine Kugel vom Tisch.

 

Spielkarten "Aktion" (Beispiele)

Bitte eine Mitschülerin oder einen Mitschüler, Dir annehmbar zu sagen, was sie (er) von Dir hält!

Was wäre, wenn es keine Richter auf dieser Welt gäbe? Erzähl uns Deine Meinung.

Bist Du manchmal ärgerlich auf Dich selbst? Was tust Du, um Dich wieder gut zu finden?

Drücke pantomimisch "Wut" und "Ärger" aus.

Sage so schnell wie möglich sechs Sachen, die Du blöd findest.

Womit würdest Du die ganze Gruppe hier ziemlich wütend auf Dich machen? Nenne zwei Sachen.

 

Spielkarten "Gefühle" (Beispiele)

Ein Lehrer will versuchen, über ein Problem mit Dir zu reden. Spiel die Situation nach und versuche, besonders "cool" zu bleiben.

Du hast in Mathe eine "Eins' geschrieben und bist richtig fröhlich/total happy. Zeige/spiele Deine Reaktion.

Ein Mitschüler bedroht Dich! Versuche Deine Angst auszudrücken (pantomimisch).

Suche Dir ein(e) Mitschüler(in) aus, die/den Du umarmen kannst.

Streichel zwei Mitschüler/innen, die Du magst, über die Haare.

Dein bester Freund spricht nicht mehr mit Dir, weil er einen neuen Freund (Freundin) gefunden hat. Du bist eifersüchtig. Was sagst Du ihm?

 

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